Mühlinger Bild

in der Nähe der ehemaligen Hinrichtungsstätte - Galgenbühel 

Leider ist sehr wenig von der Entstehung dieser Kapelle überliefert, weder im Archiv noch aus mündlichen Überlieferungen. Bekannt ist, dass sich unterhalb des Hoferfeldes in der Zeit von 1400-1800 eine sogenannte Richtstätte befunden hat. Alte Bewohner des Weilers Mühle sagen heute noch: „I bea a dr Rietstatt gsin“, wenn sie einen Spaziergang zur ehemaligen Richtstätte gemacht haben. Auf dem höchsten Punkt des Weilers Mühle stand damals ein Galgen, deshalb ist der Hügel allgemein bekannt als „Galgo Bühel“. (Vgl.Chronik Egg) Eine alte Überlieferung erklärt den ungewöhnlichen Namen der Kapelle:

„Wurde ein richtiger Sünder hingerichtet, der trotz geistlichen Beistands nichts bereuen wollte, so habe man in der folgenden Nacht am Hang ob dem Mühlingerbild immer ein feuriges Schwein hin- und herrennen sehen. Dies wurde von den Leuten als die Seele des Sünders gedeutet, welche nicht zur Ruhe kommen könne. Um nun dem nächtlichen Spuk am Hang bei der Richtstätte ein Ende zu bereiten, wurde beschlossen, für alle hingerichteten, ruhelosen Sünder ein Bild zu errichten. Diese Gedenkstätte ist dem Volke unter dem Namen „Subild“ vertraut.“ (Werner Vogt 1992, S. 158)

 

Der Galgen wurde ab 1770 nicht mehr benutzt und im Jahre 1822 abgebrochen. Das Holz war verfault, und aus den Steinen, worauf das Gerüst erstellt war, schlichtete man die vom „Subild“ links aufwärtsführende Trockenmauer. Adolf Hammerer (1910 - 1996), der in Mühle Nr. 36 wohnte, wusste von seinen Eltern, dass die Errichtung des Bildes etwa in die Zeit von 1840-1870 fiel. Seine Mutter hat ein Schriftstück besessen, das dies bestätigte. Leider hat Adolf Hammerer kein derartiges Papier mehr gefunden. Dazu muss man wissen, dass vor der Jahrhundertwende (1900) mehrere Häuser zur Mühle abgebrannt sind und daher viel schriftliches Material vernichtet wurde.

Die Mühlinger Kapelle ist ein gemauerter Rechteckbau ca. 3 m x 4 m, mit einem dreiseitigen Abschluss. Sie steht am Fuße des Galgenbühels. Die Kapelle hat ein steiles Dach und ist mit Schindeln gedeckt. Zwei kleine Fenster nach Osten und Westen erhellen den Raum.

Diese Kapelle ist ein bemerkenswertes Beispiel für das Engagement der Bevölkerung. Diese Verbundenheit und den Einsatz der Mühlinger für ihre Kapelle möchte ich in der folgenden Beschreibung festhalten.

Die erste Kapelle soll zur Gänze in Eigenregie und in mehreren Etappen erstellt worden sein. Jeder Bauer zur Mühle habe etwas Holz geschlagen und damit zur Finanzierung sowie mit Rat und Tat zum Gelingen des damals großen Vorhabens beigetragen. 1922 übernahm Frau Anna Maria Heidegger, Mühle Nr. 43, die Betreuung des Bildes. In den wirtschaftlich schlechten 30er Jahren wurde wenig repariert. 1932 übernahm die ledige Albertina Fetz die Pflege des Bildes und es wurde ihr zur Lebensaufgabe, dieses kleine Stück religiöser Heimat zu erhalten und weiterzugeben. Als erstes wurde eine neue Tür in Angriff genommen. Tischlermeister Anton Schneider konnte eine Tür aus Altersgründen nicht fertig stellen. Ferdinand Hammerer, Mühle Nr. 48, ebenfalls Tischlermeister, übernahm die Vollendung und Schlossermeister Jakob Feuerstein, Mühle Nr. 46, lieferte die Beschläge und das Schloss, alles zu geringen Materialkosten.

In der Zwischenkriegszeit war es oft schwer Kerzen, Stoff für Tischtücher und Trockenblumen zu bekommen. Während des 2. Weltkrieges wurde es noch härter, erzählte Albertina Fetz. Die Firma Furxer in Alberschwende war im Jahre 1942 trotzdem bereit, vier Steinstufen für den Aufgang zur Kapelle zu liefern. Albertina und Theresia Fetz betrieben damals noch ihre Landwirtschaft und tauschten Butter und Eier für die Steine ein. Verlegt und angebracht wurden die Steinstufen für den Aufgang zur Kapelle von den Bauern zur Mühle. In der NS-Zeit war es streng verboten, Material und Arbeit für etwas anderes als für die Rüstung zu verwenden. So musste der hölzerne Altartisch, der von Tischlermeister Ferdinand Hammerer hergestellt wurde, bei Nacht und Nebel zur Kapelle transportiert werden. Auch die Nachkriegsjahre waren sehr schwierig. 1949 erklärte sich Frau Margreth Flatz bereit, eine ca. 40 cm breite und 1,40 m lange Häkelspitze in Handarbeit für ein Altartuch zu fertigen. Das Material wurde von der Firma Josef Lang, Klöppelspitzen Niederbuch, kostenlos zur Verfügung gestellt. Auch später unterstützte die Firma das Engagement der Mühlinger für ihre Kapelle immer wieder.

Eine größere Reparatur an der Kapelle wurde in den Jahren 1953 – 54 möglich. Das Schindeldach wurde neu eingedeckt, Innen- und Außenwände wurden verputzt und Dachrinnen aus Blech angebracht. Die Firma Isidor Bertolini in Egg hatte die Renovierungsarbeiten übernommen. Malermeister Adolf Fetz hat mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln die Muttergottesstatue notdürftig restauriert und den Altartisch sowie die Innenwände gemalt. Im September 1954 konnten die Mühlinger zusammen mit Pfarrer Ferdinand Rheinberger und Kaplan Gebhard Willi die Einweihung der renovierten Kapelle feiern. Seither werden im Mai regelmäßig Maiandachten gestaltet, die von den Mühlingern nach wie vor gerne besucht werden. Anfangs übernahm Albertina Fetz den Dienst der Mesnerin. Im Jahre 1963 übernahm Albertina Meier geb. Fetz dieses Amt von ihren Tanten dritten Grades.

1990 - 91 wurde das Dach der Kapelle neu mit Schindeln eingedeckt, die verschiedene Mühlinger zur Verfügung stellten. Eine weitere umfangreiche, aufwendige Instandsetzung: Trockenlegung der Fundamente, Erneuerung des Außenputzes, Ausbesserung des Innenputzes und die Restaurierung der Eingangstür wurde ebenfalls notwendig. Bis zum Zeitpunkt der Sanierung befand sich ein Holzkreuz mit geschnitztem Korpus über der Eingangstür. Ein Vogelpaar hatte sich über Jahre hinweg die Skulptur des Gekreuzigten als Nistplatz auserkoren. Wind und Wetter hatten das Kreuz ziemlich mitgenommen. Das restaurierte Kreuz erhielt nun einen gesicherten Platz im Innenraum der Kapelle.

In weiterer Folge wurde das Herzstück der Kapelle, die Madonna mit dem Kind, einer genaueren Begutachtung unterzogen. Der akademische Bildhauer und Restaurator Viktor Platonow aus Bregenz datierte die Entstehung der Holzplastik in die Zeit um ca. 1600. Er vermutet den Künstler im süddeutschen oder österreichischen Alpenraum. Die Plastik entspricht dem massiven, bäuerlichen, wohlgenährten Schnitztypus und gilt als künstlerisch sehr wertvoll. Der Blick der Madonna geht gerade aus, die Haare sind aufwendig als Korkenzieherlocken gestaltet, das Kleid ist rot, der Mantel außen blau und das Untergewand weiß. Maria steht auf einer Mondsichel. Die Statue der Madonna, die ca. 1,20 m hoch ist, hält in der einen Hand ein Zepter und in der anderen trägt sie das Jesuskind. Das Jesuskind ist nur mit einem Lendenschurz bekleidet und hält eine blau-goldene Weltkugel in der Hand. Durch zahlreiche Umwelteinflüsse wurde die Plastik stark beschädigt.

Mit der finanziellen Unterstützung des Landes Vorarlberg und des Denkmalamtes, sowie den Mitteln aus den Aktivitäten wie Preisjassen und Haussammlung der Mühlinger, konnte die Restaurierung der Plastik beim Restaurator Viktor Platonow in Auftrag gegeben und finanziert werden.

Bemerkenswert ist auch die Altarbank, die vorne mit einem holzbemalten dreigeteilten Antependium verkleidet ist. Die Felder sind einfach marmoriert, himmelblau bemalt und mit spätbarocken Ornamenten verziert. Im mittleren Feld ist das Symbol Marias, das „M“, von einer Krone überhöht gemalt und mit bäuerlichen Biedermeierröschen liebevoll verziert. In den beiden anderen Feldern befinden sich alte Inschriften: „Himmelskönigin“ auf dem linken Feld und „Bitt für uns“ auf dem rechten. Das gestickte Altartuch über der Altarbank enthält den Schriftzug: „Maria ohne Sünde empfangen bitte für uns“. (E. Schallert 2002)

In der Kapelle befinden sich fünf neuzeitliche Votivtafeln, von denen die mittlere mit Farbe auf schwarzem Untergrund gemalt ist und die anderen in Einbrenntechnik erstellt wurden. Auf diesen Tafeln stehen die Sätze: „Maria hat geholfen. Maria wird weiterhelfen. Maria und Josef zum Dank vor Schutz in Feuergefahr 17. 1. 1958. Der lieben Gottesmutter und dem seligen Bruder Klaus zum Dank.“

Der Boden aus eingefärbten Kunststeinplatten mit Blattmustern dürfte aus der Zeit um 1880 stammen. Da er uneinheitlich verlegt ist, handelt es sich vermutlich um Restbestände aus einer Kirche oder einer Sakristei. (E. Schallert 2002)

Nach den Renovierungsarbeiten im September 1994 hat Pfarrer Ronald Waibel mit der Mühlinger Bevölkerung eine schlichte, aber eindrucksvolle Segnungsfeier in der Kapelle gehalten. Dabei wurden die gute Zusammenarbeit und die Großzügigkeit der Mühlinger gelobt und es wurde auch der Wunsch laut, dass das „Bild“ ein religiöses Zentrum im Weiler sein möge und viele zum Innehalten im Gebet anrege. Seit Mai 1993 finden in der Mühlinger Kapelle wieder regelmäßig Maiandachten statt. Außerdem wird für alle Verstorbenen des Weilers ein Rosenkranz gebetet. (Vgl. Chronik Egg)

 

Metzler Gerda, Heimatkunde im Religionsunterricht. Kapellen, Bildstöcke und Wegkreuze in Egg.

Religionspädagogische Akademie der Diözese Innsbruck, Stams.

Religionspädagogisches Institut der Diözese Feldkirch, 2002, Seite 26-32

 

Sage: Das Mühlingerbild oder "Subild"

 

In Egg tagte je nach Bedarf von etwa 1400 bis 1800 unter der Linde bei der Kirche am „Kilkobühel“ unter Vorsitz des Landammannes und der 24 Geschworenen das „Hochgericht“. Hier wurde über die bösen Verfehlungen der Wälder geurteilt. Bis zum endgültigen Strafvollzug waren die Verurteilten im nahen „Tuon“ eingesperrt. Frauen wurden oft zum Gespött für die Vorübergehenden am sogenannten „Prangerstuo“ angebunden. War einer zum Tode verurteilt, geleitete man ihn die Mühlingergasse hinauf. am „Subild“ vorbei, bis zur Flur „Richtstatt“ unterhalb des Hoferfeldes. Da wurde vom Landammann endgültig über den Täter „der Stab gebrochen“. Gelang einem Verurteilten von dort die Flucht und konnte er noch vor dem Ergreifen das „Ziel“, eine steinübersäte, durchgehende Grundstücksgrenze, erreichen, war er „frei“.

Von der Richtstatt führte man die Verurteilten zum „Galgen“ hinauf (Platz 100 m nördlich des Stallgebäudes von Wendelin Hammerer). Je nachdem das Urteil lautete, wurden sie vom Scharfrichter gehenkt oder geköpft. Verurteilte Frauen oder Mädchen wurden dort lebendig begraben oder beim Eggersteg in der nahen Subersach ertränkt.

 

Nun zur Sage: Wurde ein richtiger Sünder hingerichtet, der trotz geistlichen Beistandes nichts bereuen wollte, so habe man in der folgenden Nacht am Hang ob dem Mühlingerbild immer ein feuriges Schwein hin- und herrennen sehen. Dies wurde von den Leuten als die Seele des Sünders gedeutet. welche nicht zur Ruhe kommen könne. Um nun dem nächtlichen Spuk am Hang bei der Richtstatte ein Ende zu bereiten. wurde beschlossen, für alle hingerichteten, ruhelosen Sünder ein Bild zu errichten. Diese Gedenkstätte ist dem Volke unter dem Namen „Subild“ vertraut.

 

Der damalige Galgen auf dem herrlichen Aussichtspunkt wurde 1822 abgebrochen. Er war ohnehin ab 1770 nicht mehr benutzt worden, und das Holz verfaulte. Aus den Steinen, worauf das Galgengerüst errichtet war. schlichtete man die vom „Subild“ links aufwärts führende Trockenmauer.

 

Kilkobühel = Kirchenbühel

Tuon = Turm

 

aus: Werner Vogt, Sagen aus der Talschaft Bregenzerwald, Hg. Heimatpflebeverein Bregenzerwald 1992, 150

Die wunderbare Zeit-vermehrung

Und er sah eine große Menge Volkes, 

die Menschen taten ihm leid,

und er redete zu ihnen von der unwiderstehlichen Liebe Gottes.

 

Als es dann Abend wurde, sagten seine Jünger:

Herr, schicke diese Leute fort, 

es ist schon spät, sie haben keine Zeit.

 

Gebt ihnen doch davon, so sagte er,

gebt ihnen doch von eurer Zeit!

 

Wir haben selber keine, fanden sie,

und was wir haben, dieses wenige, 

wie soll das reichen für so viele?

 

Doch war da einer unter ihnen, der hatte wohl noch fünf Termine frei, mehr nicht, zur Not, dazu zwei Viertelstunden.

 

Und Jesus nahm, mit einem Lächeln, 

die fünf Termine, die sie hier hatten, die beiden Viertelstunden in die Hand.

Er blickte zum Himmel, sprach das Dankgebet und Lob, 

dann ließ er austeilen die kostbare Zeit durch seine Jünger an die vielen Menschen.

 

Und siehe da: es reichte nun das wenige für alle.

Am Ende füllten sie sogar zwölf Tage voll mit dem, was übrig war an Zeit, das war nicht wenig.

 

Es wird berichtet, dass sie staunten.

Denn möglich ist, das sahen sie, Unmögliches bei ihm.

 

Lothar Zenetti

Pfarramt Egg und Großdorf

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